Kastration

Unbenanntes Dokument

Immer ein kontrovers diskutiertes Thema.

Viele alte Zöpfe, Meinungen und Halbwissen kursieren.

So möchte ich ein paar Fakten aufführen, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe.

An eine Kastration sollte nie gedacht werden, wenn es nur um die Bequemlichkeit der Hundebesitzer geht, z.B. als Lösung für das Läufigwerden einer Hündin schlechthin. Die ca. halbjährliche Hitze gehört zum Wesen einer Hündin dazu. Wer dazu nicht prinzipiell stehen kann, sollte sich kein Hundemädchen anschaffen. Oft zeugt diese Meinung von der Verinnerlichung des alten Vorurteils Hündinnen sind einfacher, was immer das bedeuten möge. Glauben Sie mir, erzogen werden müssen beide Geschlechter!

Die Entfernung der Keimdrüsen hat Auswirkungen auf verschiedene Hormone.

U.A. auf Cortisole, Prolaktin, Testosteron und Östrogen.

So kann eine Kastration durchaus Auswirkungen auf das Verhalten einer Hündin haben.

Eine Hündin, die um den Zeitpunkt ihre Läufigkeit herum aggressiv ist, wird es nach einer Kastration und dem damit verbundenen Wegfall des Östrogens hinterher weniger sein.

Aber nicht nur Positive.

Manchmal erreicht man auch das genaue Gegenteil, von dem, was man erwartet.

Bei der Hündin wird das Testosteron in der Nebennierenrinde gebildet (und somit auch nicht beseitigt; im Gegensatz zum Rüden) und dieser Pegel steigt leicht an. So werden Hündinnen nach dem Eingriff oft rangordnungsbetonter und damit eben auch zänkischer, im Besonderen Hündinnen, welche sich schon immer ein wenig rüdenhafter (höherer Testosteronspiegel) verhielten.


Ein ganz besonderer Punkt ist das Thema Frühkastration

Auf jeden Fall ist der Eingriff ein Schnitt in der Persönlichkeitsentwicklung des Hundes.

Zu jung unter das Messer geraten, nimmt man ihm die Möglichkeit, auszureifen.

Das hat Auswirkungen! So einen Kindskopf zu ernsthafter Arbeit, vernünftigem Verhalten zu bringen, ist meistens ein Ding der Unmöglichkeit!

Durch den oft ansteigenden Cortisolspiegel erschwert man den Hunden den Umgang mit Konfliktsituationen; Aktivitäten und Neugierverhalten werden gedämpft, die Lernbereitschaft sinkt, Selbstschutzmechanismen(im schlimmsten Fall: Angstbeißer) verstärken sich.

Wir erhalten Hunde, die unausgereift sind, denen es an Selbstbeherrschung mangelt.

Bei Hündinnen kommt oft das Argument Gesundheit ins Spiel:

Das Risiko, ein Mammakarzinom auszubilden sinkt mit der frühen Entfernung der Keimdrüsen.

Bei einer Kastration vor der ersten Läufigkeit auf fast 0(0,5)% ,

vor der zweiten Läufigkeit ca. 8 %,

vor der dritten Läufigkeit auf ca. 25% Wahrscheinlichkeit

einen Tumor auszubilden.

Danach ist kein Einfluss einer Kastration auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit zu erkennen.

Diese genannten Zahlen gelten allerdings auf der Basis von 100 %, d.h., wenn alle Hündinnen erkranken würden!

Und die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung eines Milchleistentumors ist stark rasseabhängig!

Besitzt also eine Hunderasse eine 10%ige Disposition, sehen diese Zahlen alle ganz anders aus!

Und einmal ganz ehrlich: Dieser Tumor ist nur eine einzige Tumorart, die eine Hündin bekommen könnte.

Würden Sie Ihrer 14jährigen Tochter die Brust amputieren lassen, nur damit sie später nicht an Brustkrebs erkrankt? Oder eine Total-OP, um sie vor Gebärmutterkrebs zu schützen?

Zu den schon erwähnten Hormonveränderungen kommen natürlich noch weitere Risiken dazu. OP-Risiko, (Ausstattung der Tierarzt-Praxis, Routine des Operateurs), postoperative Komplikationen, wie Infektionen, innere und äußere Blutungen, Unverträglichkeiten von Nahtmitteln und ein versehentliches Abbinden der Harnleiter.

Oft geht eine Kastration mit Fellveränderungen einher.

Nicht immer nur ein Schönheitsproblem, wenn die Unterwolle wuchert und verfilzt!

Der häufigste Langzeitdefekt einer Kastration(bei Frühkastration auch noch verstärkt), ist eine Harninkontinenz. Sie tritt im Durchschnitt ca. 2, 8 Jahren nach dem Eingriff auf. Bei Hündinnen über 20 kg Körpergewicht bis zu 30 % aller Fälle. Bei leichteren Hündinnen bis 20 kg immerhin noch in 10 % aller Fälle. Hier ist ebenfalls eine Rassedisposition gegeben.

Auch bei einem Rüden gibt es weitere massive Auswirkungen bei einer Frühkastration vor der körperlichen Ausreifung. Der Wegfall von Testosteron beeinflusst auch das Größenwachstum.

Jung kastrierte, männliche Tiere werden größer, imposanter. Dies nutzt man z.B. bewusst, um bei Herdenschutzhunden (hauptsächlich in sehr ursprünglichen Regionen) noch mächtigere Rüden zu erhalten. Dabei nimmt man eine prozentual erhöhte Entstehung von Knochentumoren in Kauf.

Von krankheitsbedingten Gründen abgesehen, werden Rüden häufig bei abweichenden Verhaltensweisen kastriert. Dass dies viel Sinn macht, sei dahingestellt. Wie anfangs schon erwähnt, ist eine Kastration keine Hilfe bei Erziehungsdefiziten. Da wird das 4-beinige Familienmitglied jahrelang verhätschelt, keine Regeln und Grenzen gesetzt und wenn der gute Junge so lange emporgehoben wurde, bis er einem über den Kopf gewachsen ist, kommt er unter das Messer. Der gewünschte Erfolg bleibt dann aus. Denn alles, was außerhalb des hormonellen Geschehens ist, wird durch die OP auch nicht verändert. Es bleibt daher nur ein möglicher Einfluss auf hypersexuelles Verhalten und eventuell bei Rangordnungsaggression beim Halten mehrerer Hunde.

Was will ich nun mit diesen Zeilen sagen?

Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen das Kastrieren von Hunden.

Das ist und bleibt eine reine Privatsache.

AberDer Ursprungsgedanke Verhinderung von unerwünschtem Hundenachwuchs(z.B. bei einem gemischten Hunderudel) steht meiner Meinung nach inzwischen sehr weit hinten.

Jeder Hundebesitzer möge sich vor so einem Entschluss mehr als nur einen kurzen Gedanken machen. Diese OP ist kein Spaziergang und vor allem kein Allheilmittel für Verhaltensauffälligkeiten.

Sie hat Auswirkungen auf unseren Vierbeiner und auf seine Beziehung zu seiner Umwelt.

Vor allem deshalb bitte ich Sie, von einer Frühkastration (wenn keine medizinische Indikation vorliegt) abzusehen. Unsere Hunde sollen ihre körperliche und geistige Reife erreichen dürfen, das sind wir ihnen einfach schuldig. Wenn man danach möchte, aus welchen Gründen auch immer, seine Hündin oder seinen Rüden kastrieren zu lassen, dann soll man es tun - nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Tierarzt seines Vertrauens.

Und an diesen richtet sich meine zweite Bitte:

Die objektive Aufklärung der Patientenbesitzer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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